Wenn man Blätter, Gräser oder Blumen mit Farbe versieht und dann abdruckt, spricht man vom Pflanzendirektdruck. Man verwendet die Pflanze also wie einen Stempel und bedruckt damit Stoff oder Papier.
Eigentlich kann man dafür fast jede angedickte Farbe und sogar Entfärbpaste verwenden, ja sogar Stempelkissen. Aber jede Farbe hat ihre speziellen Eigenschaften.
Wenn man das Ziel hat, möglichst exakte Drucke zu erhalten, mit vielen Details, dann sind Linoldruckfarben auf der einen Seite und Ölfarben auf der anderen Seite die richtige Wahl.
Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Ölfarbe und Linoldruckfarbe

TIPP 1. Linoldruckfarbe und Ölfarbe gehören zu den sogenannten „zähen“ Farben. Man gibt eine kleine Menge auf eine Platte und rollt sie lange und sorgfältig mit einer Hartgummirolle aus. Zuerst senkrecht, dann im rechten Winkel waagerecht, dann wieder senkrecht usw. Es dauert eine Zeitlang, bis die zähe Farbe geschmeidig wird. Aber dann ist sie so elastisch, dass ein dünner Farbfilm auf der Pflanze genügt, um einen schönen, satten Druck mit scharfen Konturen und feinsten Details zu erhalten.

Wann nimmt man Ölfarben und wann Linoldruckfarben?
Ölfarben fixieren sich durch Oxidation. Das bedeutet, dass der Druck – egal ob auf Stoff oder auf Papier – etwa vier Wochen an der Luft trocknen soll. Das lässt sich nicht beschleunigen, weder durch Hitze noch durch eine andere Form der Fixierung. Danach aber ist der Druck so gut mit dem Stoff verbunden, dass man ihn heiß waschen und sogar heiß überfärben kann, ohne dass der Druck zerstört wird! Das macht die Ölfarbe so ideal für den Stoffdruck!

Es gibt noch einen weiteren Grund: Der Farbfilm auf dem Pflanzenstempel ist so dünn, dass ein solcher Druck sogar auf einem leichten Stoff wie einer Pongéseide 05 nur einen kaum spürbaren Griff hinterlässt. Ideal also für Bekleidung oder auch Dekorationsstoffen. Und natürlich eignen sich Ölfarben nicht nur für Pflanzendrucke, sondern auch für exakte Stempeldrucke aller Art.
Auch bei Ölfarben gibt es verschiedene Ausführungen. Einige sind speziell für den Druck gedacht und deshalb besonders zäh. Andere sind weicher, weil sie eher fürs Malen gedacht sind. Die pflanzlichen Stempel beim Pflanzendirektdruck sind vom Material und ihrer Oberfläche weniger gleichmäßig als andere Stempel. Deshalb bevorzuge ich eine etwas weichere Ölfarbe, die sich ohne Druck einfacher und satter auf solch einen Naturstempel auftragen lässt.
TIPP 2. Mit einer zäheren Farbe und einer weicheren lässt sich Tiefe in der Arbeit erreichen. Die zähere Farbe trägt sich zarter und weniger satt auf. Dadurch rücken solche Drucke in den Hintergrund, wenn man intensivere Drucke, ermöglicht durch eine weichere Farbe, darüber gibt. Intensivere Drucke erwecken größere Aufmerksamkeit als zartere, schwächere.
Eine zähe Ölfarbe lässt sich durch sorgfältiges Untermischen von einem Tropfen Leinöl geschmeidiger machen. Ein Tropfen Wasser macht eine besonders zähe Linoldruckfarbe weicher.

Linoldruckfarben waren früher oft auf Ölbasis. Das hat sich inzwischen verändert. Die meisten Linoldruckfarben sind inzwischen auf Wasserbasis, was natürlich praktisch für die Säuberung ist. Im Gegensatz zu Acrylfarben sind sie zäh und haben eine längere Öffnungszeit (man muss sich bei der Arbeit also nicht so beeilen). Aber sie sind nicht waschbar. Für Papier sind Linoldruckfarben also ideal. Auf Stoff kann man mit Linoldruckfarben zwar drucken, den Stoff aber in der Regel nicht waschen.
Das Auftragen der Druckfarbe
Zähe Farben werden normalerweise mit einer Hartgummirolle ausgerollt und aufgetragen.

TIPP 3. Testet für den Auftrag auch einmal die „weicheren“ Gummirollen, wie sie oft für Gelli-Print empfohlen werden. Sie geben ein wenig mehr nach und erreichen deshalb schon beim Farbauftrag mehr tieferliegende Stellen des Naturstempels, ohne aber die grundlegende Struktur der Pflanze, wie zum Beispiel die Vertiefungen zwischen den Blattadern, zu füllen.
Vorgehen: Man legt seine Pflanze auf ein Backpapier und versieht sie vorsichtig mit der gut ausgerollten Farbe. Wenn die Pflanze gleichmäßig mit Farbe versehen ist, wird sie gedruckt.
TIPP 4. Die Gelli-Platte als Stempelkissen für wasserbasierte Linoldruckfarbe verwenden. Gelli-Platten sind ja elastisch, fast weich. Ein Stempelkissen lässt sich ganz einfach dadurch herstellen, dass du auf der Platte Linoldruckfarbe ausrollst (auch Schattierungen sind möglich) und deine Blüte kopfüber in die Farbe drückst.
Das bringt mich zu TIPP 5. Eine Pinzette ist beim Pflanzendirektdruck unentbehrlich! Sie kann helfen, Pflanzenreste vom Druckuntergrund oder vom Gelli-Stempelkissen zu entfernen. Sie kann beim Platzieren helfen usw. Legt übrigens auch eine Schere in die Nähe! Immer wieder ist es notwendig, ein Blatt, eine Pflanze oder eine Ranke zu beschneiden.
Die Pflanze selbst als Druckstock verwenden
Die besten Pflanzendirektdrucke erreicht man mit frischen Pflanzen. Gepresste, trockene Pflanzen sind sehr zerbrechlich und eignen sich weniger gut.

TIPP 6. Aber manchmal besteht der Trick darin, eine frische Pflanze über einige Stunden in einem schweren Katalog nur teilweise zu pressen. Gerade kompakte, dreidimensionalen Blüten oder sehr wellig geformte Blätter kann man so in Griff bekommen. Beispiel: halb aufgeblühte Rosenknospen oder Tulpen. Sie werden durch das kurzfristige Pressen flacher, halten aber noch zusammen.
TIPP 7. Weniger Druck, mehr Fingerspitzengefühl. Liegt die Pflanze auf dem Untergrund, muss sie – wie ein Stempel – angedrückt werden. Besonders gut geht das, wenn man zum Schutz eine leichte Küchenfolie oder ein Stück einer dünnen Malerfolie darüber legt und mit leichtem Druck mit den Fingern ausstreicht. Wichtig sind immer auch die Umrisse und Kanten! Je nach Pflanze ist unterschiedlicher Druck nötig: mal mehr, mal weniger. Am besten, man testet zunächst auf einem Probestück.
TIPP 8. Gebt Stoff und Papier ausreichend Zeit, die Farbe aufzunehmen. Gerne zwischen 3 und 5 Sekunden. Das gilt nicht nur für Holz- oder andere Stempel, sondern auch für den Pflanzendirektdruck. Beim sauberen Abnehmen der Pflanze hilft eine Pinzette (siehe Tipp 5).
TIPP 9. Wiederholter Farbauftrag ergibt (in der Regel) bessere Drucke. Dies gilt auch für Pflanzendirektdrucke. Beim Handdruck geht man davon aus, dass wenigstens die beiden ersten Drucke Probedrucke sind, und erst ab etwa dem dritten Druck mit einem optimalen Ergebnis zu rechnen ist. Nun ist eine Pflanze zum Teil so fragil, dass man sie manchmal schon nach dem ersten Druck entsorgen muss. Aber bei stabileren Blättern oder auch Gräsern hatten wir oft schon den Eindruck, dass auch dabei die richtig guten Drucke erst ab dem zweiten oder dritten Einsatz auftreten.
TIPP 10. Die Unterlage, auf der gedruckt wird, prüfen und optimieren. Die Unterlage – weich oder hart, stabil oder elastisch – spielt beim Drucken eine große Rolle! Sie bestimmt mit, ob ein Druck deutlich und satt wiedergegeben wird. Da sich die natürlichen Stempel beim Pflanzenselbstdruck sehr unterscheiden, kann man kaum einen generellen Rat geben, man muss einfach ausprobieren. Fast immer gut ist ein nicht zu weicher, leicht elastischer Untergrund wie z.B. mehrere Lagen Zeitungspapier. Zweige und andere härtere Stempel drucke ich gerne auf etwas weicheren Unterlagen, wie z.B. einem Bastelfilz 3-4 mm. Eine zarte Blüte mag einen harten Untergrund lieber, um einen guten Abdruck zu ergeben.
Und was ist mit Acrylfarbe oder Entfärbepaste?
Acrylfarben aus der Tube sind eigentlich als Farben zum Malen gedacht. Man merkt das schon beim Ausrollen: Sie sind weniger zähl und verteilen sich schnell gleichmäßig auf der Palette. Natürlich lassen sie sich ebenfalls für den Pflanzenselbstdruck verwenden, aber die Ergebnisse sind dann malerischer und zeigen weniger Details.
Noch mehr ist dies der Fall beim Pflanzenselbstdruck mit Entfärbepaste. Ich bin froh, dass es nun die Fertigpaste von JACQUARD gibt, durch die die Gefährdung durch den Staub entfällt. Aber das hat eben auch den Nachteil, dass man die Viskosität der Entfärbepaste nicht mehr selbst bestimmen kann. Rührt man einen Verdicker selbst an, hat man die Entscheidung über den Flüssigkeitsgrad selbst in der Hand. Ein Hersteller muss sich entscheiden, die Paste so anzurühren, dass sie sich für möglichst viele unterschiedliche Anwendungen eignet.

Für einen Pflanzenselbstdruck würde ich die Paste vermutlich noch etwas pastoser einstellen. Aber dennoch gelingen die Drucke auch so sehr zufriedenstellend.
Tolle Zusammenstellung. Danke 🌻
Danke, liebe Sandra! Manchmal sind es die Kleinigkeiten, die einen guten Druck noch besser machen.